Loskauf der Hauensteiner aus der Leibeigenschaft des Klosters St. Blasien

von Paul Eisenbeis, Görwihl

Der 15. Januar 1738 gehört zu den wichtigsten Daten der Hauensteiner Geschichte. An diesem Tag wurde im st.blasianischen Propsteischloss in Gurtweil der Loskaufvertrag der Hauensteiner von ihrer Leibeigenschaft zum Kloster St.Blasien unterzeichnet. 11 114 der etwa 20 000 Personen starken Gesamtbevölkerung der Grafschaft Hauenstein kauften sich für 58 000 Gulden von allen Rechten der Leibeigenschaft frei.

Das Schloß in GurtweilEs war eine illustre Versammlung, die sich an diesem Tag in Gurtweil einfand. Hätten wir doch nur ein Gruppenbild dieser Mannschaft - Damen waren keine dabei. Allein 38 prominente Hauensteiner waren Zeugen dieses Aktes, darunter der amtierende Redmann, der Alt-Redmann, die Einungsmeister und einige "Ehemalige, zusammen 19, und genau so viele weitere Delegierten aus den acht Einungen. Von diesem Recess, wie der Vertrag damals tituliert wurde, gab es drei Ausfertigungen: Eine ging an die Regierung in Wien, eine an das Kloster St. Blasien und eine an die Grafschaft Hauenstein, genauer ins Depot, in die wie ein Heiligtum gehütete Landeslade nach Dogern, in der alle wichtigen Privilegien und die von den Kaisern ausgestellten Gnadenbriefe feuersicher aufbewahrt wurden.

Das für die Hauensteiner Bauern ausgefertigte Exemplar, versehen mit dem großen Majestätssiegel des Kaisers Karl VI., blieb auch nach der 1806 erfolgten Auflösung der Grafschaft Hauenstein in Dogern. Bei einem dubiosen Handel kam es in die Schweiz, und im Jahre 1909 gelangte diese wertvolle Urkunde für 100 Gulden in den Besitz der Familie Eggemann in Laufenburg/ Baden. Dipl. Ingenieur Gero Eggemann gab das Dokument am 9. März 1990 in feierlichem Rahmen als Dauerleihgabe in die Obhut der Stadt Bad Säckingen. Von dort fand sie jetzt wieder am Sonntag, 12. Oktober 2003, den Heimweg nach Dogern, wo sie ebenso feierlich von Redmann und Einungsmeistern wieder in Empfang genommen wurde.

Ursprünglich waren die im Klosterbezirk St. Blasien, im später so genannten "Zwing und Bann" angesiedelten Bauern und Handwerker "Gotteshausleute", dem Kloster leibeigen. Bei der Besiedlung des Hotzenwaldes, gefördert hauptsächlich durch die einstigen, aus der nahen Schweiz stammenden Herren von Tüfen, den Tiefensteinern, erhielten die Rodungssiedler große Privilegien und Freiheiten; sie waren zumeist freie Bauern. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Kloster immer mehr ehemals freie Bauern in seine Abhängigkeit gebracht. Wenn ein Freibauer eine Leibeigene des Klosters heiratete, so folgten die Kinder dieser Ehe der "ärgeren Hand", d.h. sie wurden alle leibeigen. Auch wenn eine Freie einen Gotteshausmann heiratete, wurden alle Kinder dieser Ehe leibeigen. Verständig, dass es unter diesen Umständen mit den Jahrhunderten immer mehr Leibeigene und immer weniger Freie gab.

Was waren nun die besonderen, allgemein als drückend und verhasst empfundenen Abgaben der Leibeigenen? Alle Leibeigenen von St. Blasien hatten ihrem Leibherrn, dem jeweiligen Abt, bei seinem Amtsantritt einen persönlichen Huldigungseid abzulegen. Dazu vorgesehen waren die Orte Birndorf, Immeneich und Weilheim. Weiter hatte jeder Hausvater jährlich ein Fasnachtshuhn abzuliefern oder den entsprechenden Geldwert zu entrichten und jährlich drei Tage Frondienst zu leisten. Besonders drückend empfand man den "Todfall". Das bedeutet, das wertvollste Stück Vieh (Pferd, Ochse, Kuh) des Verstorbenen musste abgegeben werden.

Starb die Hausfrau, so hatten die Erben ihr bestes Kleid sowie ihr Bettzeug an das Kloster abzuliefern. Ohne Erlaubnis des Abtes durfte kein Leibeigener aus der Grafschaft wegziehen, es sei denn gegen eine Manumissionsgebühr = Entlassungstaxe. Weiter beanspruchte St.Blasien von seinen Hörigen das "Hagestolzenrecht" Von den unverheiratet verstorbenen männlichen und weiblichen Leibeigenen über 50 Jahren nahm das Kloster außer dem "Todfall" noch ein Drittel der "fahrenden Habe", den Rest erhielten die Erben. Der "Frontawen" oder "Ehrtawen" (Tawen=Tagewerk) war eine besondere Verpflichtung der Hörigen, nämlich das Abmähen von bestimmten klostereigenen Wiesen im Heuet. Für ihre meist dreitägige Heuarbeit wurden die Mähder reichlich verköstigt und bewirtet (2 Maß Wein und 2 Laible Weißbrot). Erwähnt werden muss auch, dass bei der Geburt eines Kindes jede dem Kloster St. Blasien leibeigene Frau 2 Maß Wein ( 1 Maß=1, 5 Liter) und 2 Mäßle Mehl erhielt.

Bereits 1704 hatten die Hauensteiner beim Kaiser in Wien (Leopold I. von Habsburg) erreicht, dass St.Blasien seine Leibeigenen nicht mehr mit diesem Namen, sondern nur mit "Eigen Leuth" bezeichnen sollte, wobei die Abgaben dieselben blieben.
Um den Hauensteinern die Rechtsverhältnisse wieder in Erinnerung zu bringen, berief das Kloster 1719 ein Dinggericht für alle männlichen Gotteshausleute ab 14 Jahren nach Remetschwiel ein. Dabei wurde auch das alte Dingrodel von 1467 verlesen, in dem das Wort "leibeigen" vorkam. Es entstand deshalb eine große Unruhe unter der Menge. Als dann 1720 in Dogern eine neue Vereinbarung über die Leibeigenen gefasst wurde, gab es Anlass zu neuer Unzufriedenheit. Wortführer der Unruhigen war der 1654 geborene Hans Fridli Albiez von Buch, Einungsmeister der Einung Birndorf und Salpetersieder. Allgemein war er auf dem Wald nur unter dem Namen Salpeterhans bekannt. Seine Mitstreiter erhielten nach ihm auch den Namen Salpeterer. Das waren die" Unruhigen " , die immer mehr Zulauf bekamen; die anderen, die sich um den besonnenen Redmann Joseph Tröndle von Rotzel scharten, hießen die "Ruhigen", von den Salpeterern als "Hallunken" bezeichnet. Aus der Auflehnung gegen das nach immer mehr Macht strebende St.Blasien und gegen die Obrigkeit gab es bald die jahrzehntelang dauernden, blutigen bürgerkriegsähnlichen Zustände auf dem Wald, bekannt unter dem Namen Salpetererunruhen.

Schon anfangs wurde die Frage laut, wieviele Leibeigene des Klosters St. Blasien es in der Grafschaft Hauenstein eigentlich gibt. Dazu machte sich schon in den Jahren 1725/26 eine gemischte Kommission auf den Weg von Einung zu Einung, von Dorf zu Dorf. Der fein säuberlich geschriebene Band mit den Namen aller leibeigenen Männer und Frauen wird heute im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt (GLA 113/113).

Bereits 1731 tauchte die Idee auf, die Leibeigenschaft in der Grafschaft durch eine einmalige Zahlung abzulösen. Die Jahre gingen dahin, ausgearbeitete Pläne zur Ablösung wurden zu den Akten gelegt. Akut wurde das Thema dann durch einen unglücklichen Krieg, in den Österreich mit den Türken verwickelt wurde (1737-1739). Österreich kam in Geldnöte, St. Blasien sollte wieder einmal mehr aus der prekären Situation helfen. So bot Wien dem Kloster die beiden Herrschaften Staufen und Kirchhofen im Breisgau zum Kauf an. Der Abt gab seinem Pater Stanislaus Wülberz, Propst zu Gurtweil, den Auftrag, einen Ablöseplan aufzustellen. Dazu wurden die st.blasianischen Leibeigenen der Grafschaft noch einmal genau erfasst. Es waren 3466 Familien mit 1969 Männern, 2096 Frauen und 7049 Kindern, zusammen 11114 Personen. Der Plan sah eine Ablösesumme von 92 000 Gulden vor. In mehreren im Schloss Gurtweil durchgeführten Konferenzen handelten die Hauensteiner Einungsmeister diese Summe schließlich auf 58 000 Gulden herunter, zahlbar Anno 1738 mit 18 000 Gulden und dann vier Jahre lang jeweils 10 000 Gulden ohne Zinsen. Schließlich kam es am 15. Januar 1738 zu dem in Gurtweil geschlossenen, auf nicht weniger als 48 Seiten geschriebenen Vertrag. Danach entließ das Kloster St. Blasien alle seine in der Grafschaft Hauenstein wohnenden eigenen Leute, Mannes- und Weibspersonen samt Kindern aus der Leibeigenschaft, vorbehaltlich der Rechte der Niederen Gerichtsbarkeit, der Zehnten und der Lehens- und Zinsgüter. Das Dokument wurde von allen Seiten besiegelt, alle Zeugen unterschrieben oder wurden in den Abschriften in schönster Schrift vom Schreiber vermerkt.

Originalseite des Loskauf von der LeibeigenschaftHier die Unterzeichner des Vertrages von seiten des Klosters:

Pater Stanislaus Wülberz, st. blasianischer Propst in Gurtweil:
Joseph Gleichauf, st. blasianischer Obervogt zu Gurtweil. 

Die Unterzeichner des Vertrages im Auftrag des Kaisers:

Franz Anton, Freiherr von und zu Schönau, Waldvogt in Waldshut, 
Valentin Speth, kaiserlicher Amtsschreiber in Waldshut,
Nikolaus Kern, Statthalter.

Das sind die Namen der Zeugen und Unterzeichner der Grafschaft Hauenstein:

Joseph Tröndlin von Rotzel, Redmann 
Joseph Tröndlin von Alpfen, Einungsmeister 
Joseph Tröndlin von Schmitzingen, Einungsmeister 
Hans Ebner von Tiefenhäusern, Einungsmeister 
Joseph Jehle von Hänner, Einungsmeister
Benedikt Jehlin von Hierholz, Einungsmeister
Baptist Zimmermann von Hartschwand, Einungsmeister 
Andreas Thoma von Altenschwand, Einungsmeister 
Peter Geng von Brunnadern, Alt- Einungsmeister
Adam Tröndle von Görwihl, Alt-Einungsmeister 
Joseph Fricker von Luttingen, Alt-Einungsmeister 
Jakob Gerteisen von Dogern, Alt-Einungsmeister 
Hans Jakob Bächle von Birndorf, Alt-Einungsmeister 
Joseph Denz von Wolpadingen, Alt-Einungsmeister 
Joseph Völkle von Atdorf, Alt-Einungsmeister
Fridle Baumgartner von Rotzingen, Alt-Einungsmeister 
Conrad Fricker von Luttingen, Alt-Einungsmeister 
Fridle Ebner von Steinbach, Alt-Einungsmeister 
Georg Flum von Dietlingen, Alt-Einungsmeister

samt folgenden Delegierten aus den einzelnen Einungen: 

Einung Rickenbach

Joseph Hueber abm Hornberg 
Thomas Waßmer, Vogt in Todtmoos 
Joseph Schlageter, Geschworener in der Au

Einung Hochsal 

Joseph Mayer von Schachen 

Einung Wolpadingen

Hans Georg Schmidlin von Schlageten 
Lorenz Baumgartner, Vogt zu Niederwihl 
Fridle Albiez von Wilfingen
Michael Denz von Wolpadingen 

Einung Höchenschwand 

Michel Schmidlin von Kutterau 
Michel Ebner von Immeneich 
Johann Albiez von Amrigschwand 
Heinrich Baumgartner von Elmenegg

Einung Dogern 

Conrad Pfeiffer von Eschbach 
Adam Tröndle von Dogern 
Johannes Bächle, Vogt in Nöggenschwiel 
Jakob Hilpert von Bürglen

Einung Birndorf 

Dominikus Leber von Kuchelbach 
Jakob Eckert von Birndorf
Georg Ebner von Bannholz

Majestätssiegel Kaiser KarlZu bemerken ist bei dieser außergewöhnlich langen Liste von Zeugen, dass hier keine Delegierte von den Einungen Görwihl und Murg zu finden sind.

Um die Stimmung der Bevölkerung zu diesem Vertrag zu erfahren, ließen Redmann und Einungsmeister an allen Orten der Grafschaft darüber abstimmen. Ergebnis: Mit dem Loskauf einverstanden waren insgesamt 1613 Männer, 1586 Frauen und 5791 Kinder. Dagegen stimmten 298 Männer, 300 Frauen und 1223 Kinder. Die Befürworter, die Ruhigen, waren also weit in der Überzahl.

Als auch Kaiser Karl VI. am 11. Juni 1738 den Loskaufvertrag an seinem Sommersitz auf Schloss Laxenburg bei Wien ratifizierte und mit seinem großen Majestätssiegel versah, erlangte das Dokument Rechtskraft. Die Hauensteiner zahlten pünktlich ihre Raten, und am 2. Oktober 1742 setzte der aus Freiburg stammende Abt Franz II. mit einer in rotem Saffianleder eingebundenen Quittung, versehen mit dem Abtssiegel, den Schlusspunkt unter den Loskauf.

Nachdem sich Anno 1741 auch die rund 1800 Leibeigenen des Stiftes Säckingen und 1743 die 400 Hörigen des Barons von Zweyer in Unteralpfen freikaufen konnten, war die Grafschaft Hauenstein das erste Territorium in Deutschland, das frei war von Leibeigenen. Doch die Salpetererunruhen dauerten noch bis 1755 und endeten in jenem Jahr mit der Verbannung von 112 Personen in das damals ungarische Banat. Ein Kuriosum sei noch zum Schluss erwähnt; Als einziges Dorf beteiligte sich Indlekofen nicht an der Aufbringung der Loskaufgelder. Dafür bezahlte die Grafschaft den Anteil. Dadurch fielen aber auch alle Rechte an diese. Indlekofen musste ab 1740 der Grafschaft huldigen und an sie die "Todfälle" sowie die anderen aus der Leibeigenschaft herrührenden Abgaben entrichten!.

Benützte Literatur:
Loskaufvertrag v. 15. Januar 1738 
GLA Abt. 113/113
Die Salpeterer von Dr. E. Müller-Ettikon 
Geologische Landeskunde des Hotzenwaldes von Rudolf Metz